04 January 2012

To SOLF or not to SOLF... (Deutsche Version)

(dieser Artikel erschien in der CQ DL 01/2012) This article appeared in the German magazine CD DL 12/2011. You can find a shorter english version here)


..., das ist die Frage.
So ein Funkamateur hat es nicht leicht. Immer müssen Entscheidungen getroffen werden und dem kritischen Blick der Gattin standhalten, die sich ob der ungeschlechtlichen Vermehrung der Dinge im Funkregal verwundert die Augen reibt. Bedauernswert! Doch halt, mein Freund! Wer wird denn gleich in die Luft gehen?





Zum Stand der Dinge

Seit über 20 Jahren Funkamateur, Antennengeschädigt, Contestvermeider, Wenigfunker, Besitzer von ungefähr 5 QRP-Transceivern aus einem Gesamtbestand von ca. 20, Vielhörer, Clustervermeider und CW-Fetischist. Neuestes Spielzeug: Ein SDR-Receiver, damit das Auge beschäftigt ist. Eigentlich bin ich ein ganz normaler Funkamateur.



Aber da war doch noch etwas?

Genau: Früher war alles besser! Man saß in der warmen Stube, drehte am Empfangsknopf; das magische Auge leuchtete; der OM auf der anderen Seite wollte quatschen; danach zum OV-Abend mit technischen Diskussionen ohne Ende bei einem gepflegten Bier; die QSL-Karten als Gruß aus einer fernen Welt; ...

Und heute ist alles noch besser! Man schaut sich das Hamwetter an; kontrolliert das Cluster; drückt mit der Maus auf das exotische Call; bestätigt mit F1 sein Rufzeichen und mit F2 den Report; erhält wenige Sekunden später die eQSL; ...

Und dann stolperte ich im QRP-Forum über eine Diskussion, die sich seit 2007 mit interschiedlicher Intensität entwickelte. Es diskutierten viele OMs über ein neues Transceiverkonzept. Wenn man mitten in eine solche Diskussion hineinplatzt, hat man gelegenlich Verständnisschwierigkeiten. Doch bald lichtete sich der Nebel und das Gerät nahm Form an. Ich war fasziniert.



Der SOLF = Ein neuer QRP-Transceiver


Es klingt verlockend, wenn man die Selbstbeschreibung des SOLF leise vor sich hinliest:

Es ist ein Amateurfunk 9-Band-TRX mit hochwertigen Bandpässen im Empfängereingang. Jedes Band (160m - 10m) hat seinen eigenen VCO. Nachteil: Man kann damit kein Radio hören, da die Bandbreite nur den Amateurbandbereich abdeckt. Vorteil: Die Selektion ist dafür sehr gut.

Ich bin Filterfreak: Ich will nicht fünf Signale hören, sondern nur das Eine. Es stehen vier Quarzfilter auf der bewährten 9-MHz ZF für SSB und CW zur Verfügung. Aber man muss nicht den Entwicklern folgen, sondern kann sein eigenes Filterkonzept (z.B. nur CW) entwickeln. Gut so!

Stand der Technik: jede Betriebsart LSB, USB und CW hat ihren eigenen BFO. Es gibt getrennte Diodenringmischer für Sender und Empfänger. Die ZF soll sehr rauscharm sein und einen hohen Dynamikbereich haben. ZF und SSB Aufbereitung sind in eigenen Abschirmgehäusen untergebracht.

Erwartungshaltung erfüllt: Zuschaltbare analoge Aktivfilter ohne Zeitverzögerung und Rechnerartefakte und eine relaislose voll QSK Antennen-Umschaltung. Da ich nicht weiß, wie man ein Mikrofon anschließt ;-) und das Relaisgeklapper meines FT-817 bei CW auf die Nerven geht, ist dies ein Appetizer: hohe CW Tempi ohne jede Verzögerung und ohne Krach. 10 Watt Endstufe gut: QRP ist nicht alles und wenn Not in der Küche, kann ich ja auch mal richtig aufdrehen.

Weiter im Text: “Gepufferter ZF Ausgang, damit ein SDR RX als Monitor angeschlossen werden kann, womit dann die Vorteile des SDR mit denen eines analogen Radios vereint wären :-)”. Seit ich an meinen K2 den PMSDR angeschlossen habe, sehe ich endlich, im Splitbetrieb die CW-Jäger und den Gejagten.

Für Techniklaien zusammengefasst: Dies scheint ein sehr guter, vollwertigen QRP-Transceiver zu sein. Aber Werbung ist und bleibt Werbung: Man ist als Skeptiker geboren. Vier Jahre Entwicklungszeit, vier erfahrene Hauptentwickler, 29 Platinen, 2000 Bauteile, ca. 900 Euro und der Lötkolben ist noch nicht dabei. Eine Verschnaufpause ist angesagt; das Handbuch aus dem Internet gesogen und für einige Tage abgetaucht.

Es ist ein schöner Sommertag ...

und der Winter noch fern. Der Haushaltsvorstand ist außer Haus. Wolken zählen macht Spaß. Doch nur Argumente zählen, wenn ich mich überzeugt in das SOLF Abenteuer stürzen soll.



Das Design des SOLF

Ich bin kein Ingenieur und mußte über ein Jahr büffeln, um die Amateurfunkprüfung zu bestehen. Und ich habe seither (fast) alles wieder vergessen. Mein Interesse: Kommunikation mit Menschen mit der geringst möglichen Leistung, aber mit den besten Geräten, die ich mir leisten kann. Und dies waren bisher immer Geräte, die ich selbst gebaut habe.

So kann ich die Frage nach der Qualität des Bausatzes nicht technisch beantworten. Ich muß andere Kriterien finden: Vertrauen! Vertrauen in Produkte, die von vielen engagierten Menschen zusammen erarbeitet wurden. Ich vertraue dem QRP-Project, bzw. der Entwicklergruppe des SOLF, daß sie in den langen Jahren der Entwicklung, das bestmögliche Ergebnis erzielt haben.



Und woher kommt dieses Vertrauen?

Vor vielen Jahren hatte ich in der CQ-DL einen Artikel über Linux als Basis für ein funkbasiertes Web beschrieben. Linux wird bis heute von Tausenden von Programmierern entwickelt, die ein gemeinsames Ziel haben: Das bestmögliche Betriebssystem zu entwickeln. Es hat funktioniert. Linux bildet heute die Basis für Apple OS und Android. Heute heißen diese Kollaborationen “Crowdsourcing“ und die Ergebnisse (Projekte um den Arduino, Vroniplag, ...) sind verblüffend.

Dieses gleiche Engagement für ein Ziel prägte Peter Zenker (DL2FI) und seine Entwicklergruppe in den letzten Jahre. Sie arbeiteten über eine sehr lange Zeit zusammen. Die Diskussionen waren (meistens) öffentlich. Jeder, der wollte, war eingeladen sich beteiligen. Die Pläne und Dokumentation sind (fast) “Open Source”. Sie werden (auch um eigenen Nachbau) verbreitet und in den Foren offen diskutiert. Nichts wird versteckt. Es ist gelebter Amateurfunk, der eigentlich schon immer “Open Source” war. Dies macht für mich den Kern des Amateurfunkgedankens aus.

Ich muß deshalb nicht das ganze Konzept des SOLF verstehen, da ich diesen Amateurfunkern vertraue ihr Bestes gegeben zu haben, um das Designziel zu erreichen.



Löten und Aufbau

Warum soll ich mir einen Transceiver selbst bauen, wenn ich mir einen kaufen kann, der zusätzlich 70 Menues und 40 Knöpfe hat? Weil es Spaß macht, etwas selbst mit eigener Hand zu schaffen. Müssen es gleich 2000 Bauteile sein? Es muß wohl so sein, sonst wäre das SOLF-Konzept nicht realisierbar gewesen.
Die Entwicklergruppe verwendet die Modultechnik, um den Zusammenbau zu erleichtern: die 2000 Teile werden auf 29 Platinen verteilt. Jede Platine hat eine abgeschlossene Funktion im Konzept und kann isoliert getestet werden. Man muß nicht wie beim Bau einer Gitarre die ganze Instrument fertigstellen, um den ersten Ton zu hören. Man muß Platine für Platine aufbauen und testen, indem an definierten Messpunkten Ist- und Sollwerte verglichen werden. Das Handbuch hat den verborgenen Titel: “SOLF für Dummies”. Schritt für Schritt wird der Aufbau und Abgleich erklärt. Und wer die 20 SMDs des Bausatzes nicht mag: Für den wird eine Lösung gefunden.

Und wenn mein Aufbau konstante Meßfehler produziert? Nun kommt schon wieder eine Gruppe ins Spiel: Die Gruppe der Selbst-Bauer. Sie organisiert sich in Foren und Chats und begleitet sich selbst beim Bau des SOLF. Hier bleibt keine Auge trocken, keine Frage unbeantwortet. Ich habe dies schon beim Bau meines K2 erleben dürfen. Auch hier gab es ein entsprechendes Diskussionsforum. Wenn man eine Frage hatte: Diese munter in den PC getippt. Das Fragezeichen war noch nicht vom Bildschirm verschwunden, da klingelte der Rechner schon und hatte eine Antwort - Abends, Nachts, Sonntags, 24/7 geöffnet - garantiert.

Seht es doch einmal positiv: Stellt euch 2000 Teile vor, die Sonne ist schon untergegangen, die Kälte kriecht durch die Fenster, ihr sitzt hinter dem Ofen vor dem Küchentisch, das Löteisen qualmt, der Rechner surrt und da kommt schon die erste Frage eines Oms: “Wie herum kommt eigentlich der Elko 247?”. Ihr holt die schon fertige Platine, seht nach und schreibt:”Plus Richtung Widerstand 287. 72 de dl1sdz”.



Die Kosten

Dies ist ein wirklich kritischer Punkt. Als ich begann Radios zu bauen, spielte das Geld (fast) immer die Hauptrolle. Ich wollte Transceiver haben, die ich mir nicht leisten konnte. Heute hat sich dies geändert. Man kann einen kommerziellen TRX mit allen Features für 600 - 800 Euro kaufen. Man bekommt ein Komlettpaket mit Garantie und (vielleicht) Service. Und wenn die Kiste nicht funktioniert, kann man sie wieder zurückschicken.

Warum soll ein normaler Mensch sich den Ärger einhandeln, ein 2000-teiliges Puzzle zu kaufen, das man erst noch lösen muss?

  • Weil es eine Herausforderung ist.
  • Weil es Spaß macht zu basteln.
  • Weil man das Gerät besser versteht.
  • Weil man am Ende seinen Traum-Transceiver hat
  • UND weil man sich endlich mal wieder mit der Gemeinschaft der Amateurfunker aktiv inhaltlich auseinandersetzen und dazu lernen kann
  • UND weil man sagen kann “Ich habe den SOLF selbst gebaut”

Diese Punkte lassen sich mit Geld fast nicht aufwiegen.



Der SOLF und die Zukunft

Aber die Geschichte meiner Selbstüberzeugungsarbeit war noch nicht beendet. Der SOLF ist ein offenes System und heißt eigentlich CREATIVE-SOLF. Man kann und soll ihn weiterentwickeln. Wenn man eine bessere Lösung für die Filter oder den Audioverstärker hat: Kein Problem! Jede Platine hat eine definierte Schnittstelle mit Aus- und Eingängen. Diese Werte müssen eingehalten werden. Aber auf der Platine darf man seine eigenen Lösungen realisieren. Ich werde keine eigenen technischen Lösungen anbieten können. Aber ich weiß, daß schon andere OMs diese über das Internet diskutieren und entwickeln. Und wenn mich diese technische Lösung interessiert, dann komme ich zum Ziel - With a little help from my friends.



Ich möchte mitmachen

Es ist kein einfacher Bausatz. Aber ich traue mir mit der Hilfe anderer OMs zu, das Gerät zu bauen. Und eines Tages werde ich ein weiteres selbstgebautes Schmuckstück auf meinem Tisch stehen haben. Und am nächsten Tag wird irgendwo im Äther zu hören sein: "CQ CQ CQ de DL1SDZ test first QSO with SOLF."

Mal gespannt wer antwortet. Vielleicht rafft sich Shakespeare noch auf und antwortet:” That was not the question! Read my Hamlet again.”



Das Bautagebuch "HowTo Solve the Magic SOLF Puzzle #" und weitere Artikel findet man im Inhaltsverzeichnis: Natürlich unter dem Stichwort "SOLF".

Stay Tuned!